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Wernigerode, 24.07.2004 »


Prolog in Hessen

Es war ein schwüler, unheilvoller Sommerabend, als man in einem heruntergekommenen und stark degenerierten Gemeinwesen des Rhein-Main-Gebietes neun gebückte, dunkel gekleidete Gestalten beobachten konnte, die sich verstohlen und emsig bemühten, eine Kutsche mit allerlei seltsamen Gerätschaften zu beladen.
Plötzlich trennten sich drei Gestalten vom Rest der Gruppe, und verschwanden schleichend und fauchend im Labyrinth der fauligen Gassen.
Kurz darauf öffneten sich die Himmel, und der Zorn der Götter entlud sich in Form einer Urflut aus Wasser und Eis über den urbanen Sündenpfuhl.
Die Drei blieben bis auf weiteres verschollen und wurden nur von den zurückbleibenden, mittlerweile laut knurrenden Mägen leidenschaftlich vermißt und sehnsüchtig besungen.
Vier der Verbliebenen waren gefangen in einem stinkenden, durch den Wassereinbruch abgeschnittenen Durchgang und machten sich mit gebrochenen Stimmen gegenseitig Mut, angesichts des drohenden Kälte- und Hungertodes nicht die Hoffnung zu verlieren.
In der warmen und herrschaftlich eingerichteten Grotte hingegen freuten sich die restlichen Zwei über die trockene, behagliche Zuflucht und nutzen die Zeit, ungestört ihre geheimen finsteren Absprachen zu treffen... Erst sehr viel später konnte man die neun Gefährten beobachten wie sie einige Photographien anfertigten, hastig die Kutsche bestiegen und in hoher Geschwindigkeit nach Norden fuhren. Man erwartete sie bereits.

1. Das Gasthaus

Unser Fahrer bemühte sich nach Kräften, die verlorene Zeit wieder einzuholen und schaffte es wie durch ein Wunder, unseren Wagen bis an den Rand der Lichtgeschwindigkeit zu bringen. Vereinzelt und zögerlich wurden Befürchtungen laut,
der Wagen sei für intergalaktische Geschwindigkeiten nicht geeignet - Doch außer einem Rückspiegel, der sich im Raum-Zeit-Kontinuum aufzulösen drohte, erreichten wir die erste Station unserer gemütlichen kleinen Reise ohne größere Verluste.
Gegen 2.00 Uhr erreichten wir ausgeruht und erfrischt von der Fahrt das berühmte Gasthaus zu Wernigerode; bekanntermaßen ein international renommiertes Luxushotel erster Klasse und ein weiteres Beispiel dafür, daß auch in der DDR architektonische Wunderwerke keine Seltenheit waren.
Im gewaltigen Foyer wurden wir von einem freundlichen Herrn mit vorbildlichen Manieren und frisch gebügelter Uniform empfangen, der uns trotz der späten Stunde freudestrahlend begrüßte und nur mit Mühe davon abzubringen war, unser Gepäck eigenhändig auf unsere Zimmer zu tragen. Von einem Bandmitglied wurde mir zugetragen, daß dieser generöse Dienstleistungsprofi auch die extravagantesten Wünsche seiner Gäste diskret zu erfüllen weiß.
Ausgeschlafen und gut gelaunt -man hatte uns bezüglich der Räumung der Zimmer keinerlei Druck gemacht- nahmen wir am nächsten Morgen unser Frühstück ein und machten einige Erinnerungsphotos, während die uniformierten Pagen unser Gepäck zum Wagen brachten.

2. Das Schloß

Am frühen Nachmittag erreichten wir voller Spannung endlich das Ziel unserer Reise und hielten, umjubelt von Palmenzweigen schwingenden Besuchern und Touristen, unseren glorreichen Einzug in das „Schloß Wernigerode“. Wir waren entzückt von der Pracht und dem märchenhaften Charme des alten Schlosses und nutzten unsere Begeisterung für einige Schnappschüsse. Anschließend ließen wir unser Gepäck von den buckligen Lakaien auf unsere Gemächer bringen. Da wir beabsichtigten, (abgesehen von Live-Photos) auch Audio- und Videomitschnitte des Konzertes für die Nachwelt festzuhalten, begannen wir dann auch gleich mit den ersten provisorischen Aufbauten und Installationen am Ort des nächtlichen Geschehens - der wunderschönen alten Schloßkapelle.
Dann hatten wir erstmal eine Weile Freizeit die viele von uns dazu nutzten, das beeindruckende Schloß und sein Museum auf eigene Faust zu erkunden und dabei einige schöne Photos in historischer Kulisse zu schießen. Ich persönlich war, auch aus „beruflichen“ Gründen, von den historischen Räumlichkeiten und den dort ausgestellten Exponaten hellauf begeistert - Um so mehr wurde mein idealistisches, menschenfreundliches Weltbild erschüttert als ich erfuhr, daß das Museum in keinster Weise staatlich subventioniert wird.
In Gedanken verfasste ich ein Essay über die rot-grüne Kultur- und Finanzpolitik und schritt daraufhin, in
(Opium-)Träumen schwelgend und Gedichte von E.A.Poe vor mich hinmurmelnd, in Begleitung meiner gesamten Familie durch die alten Gemächer und nahm als Andenken nur einige wenige Kleinigkeiten mit...
Nun wurde es langsam Zeit, unsere rituellen Gewänder anzuziehen da wir die Reize des Schlosses für ein paar hübsche Bandphotos nutzen wollten. Nach 12759866 (Ein-)Stellungen, Ablichtungen und einer Odyssee durch Festsaal, Kaminzimmer, Treppen und durch rote,
grüne, gelbe und violette Schlafgemächer fanden wir uns für die „letzten“ Aufnahmen in den Kellergewölben ein. Wir räumten also Knochen und Tierleichen beiseite und positionierten uns vor dem Tor des Hades. Dabei gaben wir uns große Mühe, trotz eingeschlafener Arme, Beine und unerfreulichen Krämpfen in diversen Körperteilen (vor allem in der Augenmuskulatur) nicht allzu schmerzerfüllt auszusehen (zumindest nicht mehr als erwünscht).
Als nächstes standen die letzten Proben auf dem Programm. Zur Abwechslung wurden auch hierbei (neben Ton- und Videoaufnahmen) einige Photos gemacht, wobei sich unsere Photographinnen und Kamerafrauen nach Kräften bemühten, die Bühne und die sich dort befindlichen Protagonisten aus jedem Winkel und jeder
(un-)möglichen Position der Kapelle für die Ewigkeit einzufangen. Wie entfesselte Dschinns wirbelten sie durch die Gegend, so daß nicht einmal die kleinste unserer unkontrollierten Zuckungen -das Blut begann gerade in unseren noch nicht abgestorbenen Körperteilen langsam wieder zu fließen- ihrem gnadenlosen Fokus entgehen konnte.
Wir waren begeistert von dem ehrwürdigen Ambiente und der guten Akustik des Raumes. Zudem waren wir hoch erfreut darüber, daß alle Instrumente (also auch das meine - bekanntlich das diskreteste in unserer sympathischen Runde) sowie natürlich der Gesang auch ohne elektronische Verstärkung klar und deutlich vernehmbar waren.
Nachdem aus musikalischer Sicht endlich alle Klarheiten beseitigt waren, zogen wir uns müde, traurig und enttäuscht von der Mühsal und dem Elend dieser Welt in den Backstagebereich zurück - Wir leiden sehr unter Stimmungsschwankungen... Naja, ich zumindest.

3. Das Konzert

Im Zwielicht der spärlich beleuchteten Kirche erwarteten fünf tief in sich ruhende, vor Inspiration bebende Instrumentalisten das hereinströmende Volk. Ich begann gerade einzunicken, als mich ein tosendes „Schhhhhhhhhhhhhh!!!“, laut und kräftig wie das mächtige Rauschen des unterirdischen Styx, aus meiner Lethargie riß. Welches urzeitliche, infernalische Geschöpf hatte dieses Geräusch ausgestoßen? Es konnte unmöglich von einem menschlichen Wesen stammen, und so wurde es in den Reihen der Zuschauer auch schlagartig still - nur ein vereinzeltes ängstliches Wimmern war zu hören. Ich hatte gerade noch die Zeit mich zu besinnen wer ich war, wozu ich hier saß und welche Funktion diesem Gerät zwischen meinen Beinen zukam, als ich unverzüglich aufhörte zu wimmern und mich von den dunklen, treibenden Rhythmen der Tablas in eine tiefe Trance versetzten ließ.
Rausch
und Ekstase nahmen ihren Lauf. Pur und unvermittelt hörte man die nackten, hypnotisierend schwingenden Klänge der Instrumente und der betörenden Stimme der chthonischen Göttin. Da wir gänzlich unverstärkt spielten, wie bereits erwähnt, entstand eine intime Beziehung zwischen Musikern, Publikum und dem alle umschließenden sakralen Raum mit seiner wunderbaren Akustik - Kein Ton, kein Wort und kein düsterer Gedanke konnte hier verloren gehen .
Man wurde Teil eines Farben- und Bilderrausches aus Feuer, Stein, Holz, Kostümen und der leidenschaftlichen Performance der Göttin, die zwischen herausfordernder Laszivität und schüchterner Unschuld keine Gefühlsregung unberührt ließ, während der würzige Duft fremdländischen Räucherwerks sich seinen ätherischen Weg durch die Reihen des bunt gemischten Publikums bahnte...
Doch wie dem Rausch die Ernüchterung, dem Licht die Finsternis und dem Sex unweigerlich das rasche Einschlafen folgt, so folgte auch unserer Darbietung der Abschied vom Publikum, welches uns durch das landes- und kulturübliche Klatschen enthusiastisch seiner Annerkennung versichte.

4. Das letzte Ma(h)l

Im Anschluß gab es noch eine kleine Autogrammstunde, bei der verschiedenste Materialien von uns signiert wurden - begleitet von einem regen Austausch von Freundlich- und Körperflüssigkeiten.
Band und Fans hatten hierbei die Gelegenheit, sich über die Wahrnehmung der Show auszutauschen und einige Erinnerungsphotos zu machen.
Den krönenden Abschluß bildete ein festliches Opfermahl, vom Schloßherrn persönlich gespendet, bei welchem trotz der späten Stunde höchst interessante Gespräche auf beachtlich hohem Niveau geführt wurden.
Obwohl einige von uns gerne noch einige Jahre geblieben wären, vielleicht noch einen letzten Schloßrundgang oder endlich mal ein paar anständige Photos gemacht hätten, drängte die Zeit doch langsam zum Aufbruch. Also verabschiedeten wir uns mit liebevollen Umarmungen und leidenschaftlichen Küssen von der gesamten Belegschaft, dem Schlossherrn, seiner Gattin und den ehrwürdigen „Elben“ , tauschten Telefon- und Kontonummern aus, machten noch einige letzte Photographien für unser Familienalbum und begaben uns etwas melancholisch aber in tiefer und aufrichtiger Liebe zueinander zurück ins Raum-Zeit-Kontinuum .

Frederik

   
             
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